Mann und Frau im Essigkrug und was sie von den Wintervögeln lernten

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Mann und Frau im Essigkrug

Es waren einmal eine Frau und ein Mann. Sie lebten schon viele viele Jahre mit einander in einer armseligen Hütte, die schlecht roch und deshalb von beiden als „Essigkrug“ bezeichnet wurde. Eines Tages war der Mann derart schlecht gelaunt, dass er zur Frau sagte: „Du bist Schuld daran, dass wir in diesem Essigkrug leben müssen! Wären wir nur nicht da!“
Die Frau aber sagte: „Nein, du bist Schuld daran.“ Das aber wollte der Mann nicht so stehen lassen und so zankten sich die beiden eine Weile. Als sie einmal gleichzeitig Luft holen musste, vernahmen sie die Stimme eines Vogels am Dach, der zwitscherte: „Was ist denn los mit euch?“ „Wir haben beide das Essigkrügel satt und möchten auch einmal wohnen wie andere Leute. Dann gäbe es keinen Grund mehr zu streiten und wir könnten zufrieden sein.“, antwortete die Frau. Da  führte das Gold-Vögelchen die Frau und den Mann an ein neues Häuschen, wo hinten dran ein ein Gärtchen war und zwitscherte: „Dies ist euer jetzt! Lebt fröhlich und zufrieden miteinander. Wenn ihr mich braucht, so braucht ihr nur dreimal in die Hände klatschen und rufen:
Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall
!
und schon werde ich da sein.“
Damit flog der Vogel davon und der Mann und die Frau waren froh, dass sie nun ein so schönes Häuschen hatten und nicht mehr in dem Essigkrug wohnten. So verging die Zeit.
Nach einer Weile, es war bereits Herbst geworden und waren in der Nachbarschaft herum gekommen, da hatten sie die großen Bauernhöfe gesehen, mit Stallungen, Gärten, Äckern und vielem Gesinde. Da kam ihnen ihr Häuschen plötzlich ganz armselig vor und gefiel ihnen nicht mehr.

An einem nebeligen Morgen klatschten beide zu gleicher Zeit in die Hände und riefen:
Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“

Witsch, da kam das goldige Vöglein zum Fenster herein geflogen und zwitscherte: „Was wollt ihr beiden?“
„Ach!“, sagten beide wie aus einem Munde, „Das Häuslein ist doch gar zu klein, wenn wir doch auch so einen großen Bauernhof hätten wären wir wirklich zufrieden.“ Das goldige Vöglein blinzle ein wenig mit seinen Äugelein, sagte aber nichts und führte den Mann und die Frau zu einem großen prächtigen Bauernhof mit vielen Äcker, Stallungen mit Vieh, Knechten und Mägden und zwitscherte: „Dies ist euer jetzt! Lebt fröhlich und zufrieden miteinander.“
Der Mann und die Frau sprangen vor Freude einander in die Arme und tanzten. Sie genossen den Winter im warmen Haus mit dem vielen Essen und Trinken und all der Hilfe der Knechte und Mägde. Ein Jahr verging und sie lebten fröhlich und zufrieden im Bauernhof.
Jetzt konnten sie es sich leisten und manchmal mit ihrer Kutsche  in die Stadt fahren. Da sahen sie schöne große Häuser mit 3 Stockwerken und Menschen, die wunderschön gekleidet waren und Hüte trugen.
Nachdem sie mehrmals dort gewesen waren und auch im Kaffee gesessen waren, dachten sie beide: „In der Stadt zu leben ist besser, denn da bräuchten wir nicht mehr zu arbeiten, hätten nicht viel zu tun und hätten mehr Vergnügungen.“
Da sagte die Frau zu ihrem Mann: „Wollen wir nicht besser in die Stadt leben? Ruf du das goldige Vöglein! Wir waren schon lange genug auf dem dreckigen Bauernhof.“ Der Mann aber sagte: „Frau, ruf du das goldige Vöglein!“ „Warum willst du es nicht rufen?“, fragte die Frau. Weil der Mann nicht tat, wie sie es wollte, schlug schließlich sie dreimal in die Hände und hat rief:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal
Goldvögelein überall!“

Da kam das goldige Vöglein wieder zum Fenster herein geflogen und zwitscherte: „Was wollt ihr beiden?“  „Ach!“ sagte die Frau, „wir sind für das Bauernleben zu müde. Wir möchten auch gern Stadtleute sein und schöne Kleider haben und in so einem großen prächtigen Haus wohnen. Dort werden wir sicher fröhlich und zufrieden sein.“

Das goldige Vöglein blinzle ein wenig mit seinen Äugelein, sagte aber nichts und führte den Mann und die Frau in das schönste Haus der Stadt wo Kristallleuchter von der Decke hingen, Spiegel an den Wänden hingen und die Kästen mit teurem Gewandt  gefüllt waren. Da zwitscherte es: „Dies ist euer jetzt! Lebt fröhlich und zufrieden miteinander.“ „Es gibt auf der Welt nichts Besseres und Schöneres!“, riefen der Mann und die Frau und waren vor Freude außer sich.

Sie lernten über die Jahre die Stadt genau kennen. Sie gingen auf Feste und luden auch ein. So kam es, dass sie sahen, dass es auch Edelleute gab, die in Palästen und Schlössern wohnten. Dort fanden Konzerte und Theaterspiele statt. Oh, das waren wunderbare Erlebnisse! Kein Vergleich zu dem Leben, das sie in dem Stadthaus führten.Und die Frau sagte zum Mann: „Jetzt ist es an Dir, das goldige Vögelein zu rufen.“ Der Mann wollte lange nicht, denn Theater und Konzerte waren nicht so sein Interesse. Schließlich gab er dem Drängen der Frau nach und klatschte dreimal in die Hände und rief:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Golbvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall!“

Da kam das goldige Vöglein wieder zum Fenster herein geflogen und zwitscherte: „Was wollt ihr beiden?“  Da sagte der Mann: „Wir möchten gern Edelleute werden! Als Edelleute werden wir fröhlich und zufrieden sein.“ Da aber blinzelte das goldne Vöglein mit den Äuglein und zwitscherte: „Ihr unzufriednen Leute! Werdet ihr denn nicht einmal genug haben? Ich will euch zu Edelleuten machen, es wird euch aber nichts nützen!“ Es führte sie in ein schönes Schloß, wo alles so war, wie sie es sich gewünscht hatten. Das Vöglein zwitscherte: „Dies ist euer jetzt! Lebt fröhlich und zufrieden miteinander.“

Frau und Mann waren lange Zeit sehr fröhlich und zufrieden. Einmal wurden sie in die Hauptstadt zu einem großen Fest geladen. Da sahen sie die vergoldete Kutsche und die goldbestickten Kleider der Königin und des Königs. Alle Leute am Straßenrand schenkten ihre Hüte als die Königskutsche vorbei fuhr. Da klopften dem Mann und der Frau vor Neid das Herz. Kaum waren sie wieder zu Hause in ihrem Schloss, so sprachen sie: „Jetzt wollen wir König und Königin werden. Das soll unser letzter Wunsch an das Vögelchen sein.“ Da klatschten alle zwei gleichzeitig in die Hände und riefen:
„Goldvögelein im Sonnenstrahl!
Goldvögelein im Demantsaal!
Goldvögelein überall.“

Da kam das goldige Vöglein wieder zum Fenster herein geflogen und zwitscherte: „Was wollt ihr beiden?“  Da riefen beider aufgeregt: „Wir haben die Königin und den König gesehen. Wir möchten auch gern König und Königin sein.“ Da begann aber das Vöglein ganz schrecklich mit den Augen zu blinzeln, sträubte alle seine Federchen und schlug mit den Flügelchen und zwitscherte: „Wann werdet ihr denn endlich genug haben? Ich will euch zum König und zur Königin machen. Warum nur  habt ihr nimmermehr genug?“ Es führte sie in ein riesiges Schloß und ließ sie auf den Thron setzen. Das Vöglein zwitscherte: „Dies ist euer jetzt! Lebt fröhlich und zufrieden miteinander.“ Und Mann und Frau, Königin und König erließen Gesetze, hielten sich einen großen Hofstaat und häuften unermesslichen Reichtum an. Damit waren sie lange beschäftigt. Der Jubel der Einwohner und Einwohnerinnen beglückte sie. Doch es kam, wie es kommen musste. Sie erfuhren, dass es auch Kaiser und Kaiserinnen gab.

Da sprach die Frau: „Werden wir Kaiser und Kaiserin.“ Doch der Mann sagte: „Nein! Ich will Papst werden!“ Da rief die Frau: „Ho! Wenn du Papst werden möchtest, dann möchte ich die Göttin sein!“
Kaum aber hatten sie dies gerufen, da erhob sich ein mächtiger Sturm und ein großer schwarzer Vogel mit funkelnden Augen flog zum Schlossfenster herein. Er krächzte so laut, dass alles erzitterte: „Alles Materielle, das ihr euch gewünscht habt, wurde euch erfüllt. Alle gesellschaftlichen Schranken hoben sich für euch. Jetzt habt ihr eine Grenze überschritten. Die spirituelle Welt müsst ihr selbst entdecken. Da diese euch bisher nicht wichtig war, geht an den Start zurück und versucht euer Glück ein zweites Mal. Möge die Übung gelingen! “ Damit flog der Vogel davon und mit einem Donnerschlag und Blitz fanden sich Mann und Frau wieder in ihrem ursprünglichen Essigkrug. Sie sahen sich erschrocken um, sahen sich erschrocken an und weinten und klagten so laut und so lange, bis sie keine Stimme und keine Tränen mehr hatten. Sie waren viele Erfahrungen reicher und um alle Häuser und Ämter ärmer geworden. Hilflos und wütend saßen sie da. Wer hatte Schuld? Wie war alles gekommen? Der Mann sah die Frau an. Die Frau sah den Mann an. Sie sahen sich für einen kurzen Augenblick, der so kurz wie ein Augenschlag war im jeweils anderen und erkannten sich selbst. Dann schliefen sie müde und erschöpft ein und der Schlaf der Heilung legte sich über sie. Als sie aufwachten fühlten sie sich fröhlich und zufrieden. Sie schauten sich beide in ihrem Essigkrug um. Da sagte der Mann: „Ich bin Schuld daran, dass wir in diesem Essigkrug leben! Ich hab dir damals die Schuld gegeben – aber ich hab ja auch meinen Teil daran.“ Die Frau staunte über das Gesagte und antwortete. „Ich bin auch Schuld daran, dass wir jetzt im Essigkrug leben. Ich wollte eine Göttin sein.“ Der Mann sprach: „Lass uns also das Beste daraus machen! Sei du meine Göttin und lass mich dein Gott sein!“ Da lachten die Frau und der Mann und umarmten sich und waren glücklich, weil sie wieder ihre Liebe zueinander gefunden hatten.

Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Und weil die Liebe eine starke Kraft ist, schafften sie es, eine neue gut riechende Holzhütte zu bauen. Die Frau und der Mann fischten gemeinsam und verkauften die Fische am Markt. Vom Gewinn kauften sie Gemüse- und Obstpflanzen, die mit den Jahren viele gute Früchte trugen. So hatten sie genug zu essen und zu trinken. Es machte ihnen Freude, gemeinsam die Sonnenauf- und Untergänge zu sehen und einander Geschichten von früher zu erzählen und neue Pläne zu schmieden, wie sie am besten ein Labyrinth anlegen könnten. Für sie war das Labyrinth zu einem Symbol ihres Entwicklungsweges geworden. Im Winter streuten sie Sonnenblumenkerne und Nüsse für die Vögel aus, damit auch diese ausreichend Futter hatten. Schließlich hatten sie viel von den Vögeln gelernt. Wer weiß, vielleicht legten sie für die Vögel ein Labyrinth aus Sonnenblumenkernen?

Ludwig Bechstein – bearbeitet von mir

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