Sonnenaufgang. Sonnenuntergang. Sonnesein.

Lege deine Hand auf dein Herz, sagte sie.
Ich legte meine Hand auf mein Herz.
Atme und spüre, sagte sie.
Ich atmete und spürte.
Kannst du die Freiheit spüren?, fragte sie.
Ja. Ich spüre sie. Die Freiheit ist in meinem Herzen!
Atme und spüre weiter, sagte sie.
Ich atmete und spürte. Atmete ein. Atmete aus.
Das Atmen verlangsamte sich ohne mein Zutun. Das Atmen wurde zum Rhythmus einer Welle, die im Ozean ruhig schwingt. Ein und aus – hin und her – auf und ab.
Und dann fiel ich in eine Leere.
So sage ich jetzt. In der Leere selbst war kein Spüren und auch kein Gedanke, keine Wahrnehmung. Und doch war die Leere nicht ganz leer. Vielleicht doch leer. Sie hatte einen Charakter, sage ich jetzt. Und ihr Sein war hell und leicht und freundlich und friedlich. Wie das Licht einer aufgehenden Sonne. Die einzelnen Strahlen sind nicht zu sehen, es war die Gesamtheit von Licht, die die Leere war. Und die Leere trug mich. Das Licht trug mich. Nicht körperlich, denn ich lag auf dem Boden. Es war die Erde, die mich trug. Und doch: Es war das Licht, das mich trug. Kein Gedanke, kein Spüren, kein Wissen um das Ein- und Ausatmen. Jetzt erst versuchen meine Gedanken und meine Wahrnehmung in Worte zu fassen, was war. Wie es war.
Es? Ich? Das alles gab es nicht mehr. Es gab nichts. Nur das Nichts, das auch keine Leere mehr war. Aufgelöst alles. Zu einem geworden, wo es keine Sprache mehr gibt. Nur noch Sein. Und Ewigkeit. Endlose Unendlichkeit. Keine Grenzen, keine einzige Grenze. Das sage ich jetzt. Weil die alltägliche Welt aus so vielen Grenzen besteht. Körperlichen, geistigen, mentalen, emotionalen. Auch zeitlichen Grenzen. Ich war losgelöst vom Alltag und von mir. Ist das die Erfahrung der Seele? Ist das die Erfahrung von Himmel, von Seligkeit, von Nirwana?
Fragen die auftauchen. Und wieder abtauchen. Die Zeit, da sie abgetaucht sind, die fraglose Zeit ist eine Zeit von Zufriedenheit und Glück. Der Gegenpol zur Alltagsrealität, in der die Fragen unbedingt eine Antwort nötig haben. Wer profitiert wovon? Wer benützt seine/ihre Macht wozu? Wer gibt ihr/ihm Macht? Warum?
Das Leid, die Ungerechtigkeit, die die Welt zu einem Ort der Hölle machen, sind nicht naturgegeben. Und wenn, so sind sie doch veränderbar!
Lege deine Hand auf dein Herz, sagte sie.
Ich sage nun zu dir: Lege deine Hand auf dein Herz und folge deinem Herzschlag. Lass dich führen. Nimm wahr, wem du begegnest. Der Neugierde? Der Angst? Der Liebe? Lege deine Hand auf dein Herz und folge deinem Herzschlag. Niemand kann dich in dieses Herzschlagland begleiten. Du bist alleine auf diesem Weg. Er führt dich zu dir. Und er führt dich zum Licht. Vielleicht nicht gleich und sofort. Vielleicht macht der Weg eine Wendung und du erlebst Ungeahntes, Unerwartetes. Geh weiter. Träume weiter. Atme weiter. Einmal wird es sein, da du die sieben Wendungen durchlebt hast. Dann stehst du an der Schwelle zum Zentrum. Verliere dich nicht. Du wirst auf eine dich verzehrende Leere treffen. Lass dich nicht verschlingen. Lege deine Hand auf dein Herz. Folge deinem Atem. Er bringt dich ins Zentrum des Labyrinths. Ins Zentrum des Lebens. Ins Sein. Zu dem du wirst.

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