Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen

SALZBURGER FESTSPIELE 2012; Das Labyrinth 2012
Regisseurin Alexandra Liedtke
über den zweiten Teil der Zauberflöte von Emanuel Schikaneder und Peter von Winter.

„Die Zauberflöte war im alten Theatergebäude, im ,Freihause‘ auf der Wieden, bis zum Jahre 1798 bereits mehr als 200 Mal gegeben worden; ein Seitenstück dazu (nicht Fortsetzung) Babilons Piramiden, hatte auch bedeutendes Glück gemacht; da kam denn Schikaneder auf den Gedanken, die Zugkraft der Zauberflöte auch in anderer Weise auszubeuten, indem er einen zweiten Theil dazu schrieb, und die Musik von dem kurpfalzbairischen Kapellmeister Peter Winter komponieren liess. So entstand: Das Labyrinth, oder: Der Kampf mit den Elementen. Große heroisch-komische Oper in zwei Aufzügen. Daß der Verfasser sich nicht verrechnet hatte, zeigte der Erfolg. Die neue Oper ging zum ersten Male am 12. Juni 1798 in die Szene, und wurde in eben diesem Jahre 34 Mal und 1799 noch 8 Mal gegeben. Sie blieb dann durch einige Jahre liegen, und kam am 18. Juli 1803 in dem neuen Schauspielhause an der Wien neu dekoriert wieder zur Aufführung. Im Jahre 1803 fanden 16, im nächsten Jahre 17, und 1805 noch 2 Vorstellungen statt, so daß die Oper im Ganzen 77 Aufführungen erlebte. Seither ist das Werk verschollen; der Text wurde nicht gedruckt; der gestochene Klavierauszug findet sich in Privathänden nur selten vor, und für die lebende Generazion ist die Oper daher so gut wie nicht vorhanden …
Schikaneder wollte eine Spektakeloper schreiben, und hat dies redlich gethan. Nachdem er im ersten Theile das Heldenpaar durch Wasser und Feuer geführt hatte, fiel ihm ein, dass ja noch zwei Elemente nutzbar zu machen wären, und so müssen denn Tamino und Pamina noch eine Probe in dem ,unterirdischen Labyrinthe‘ bestehen, und Pamina muß die gefährliche Fußreise aus dem Luftschlosse ihrer Mutter, durch die Wolken auf die Erde herab, machen, um sich mit ihrem Gatten wieder zu vereinigen.“ Soweit Leopold von Sonnleithner 1862 über ein Werk, das uns dank neuerer Forschungen heute wieder zugänglich gemacht wurde. Der große Erfolg, den Das Labyrinth bei der Uraufführung erntete, verdankte sich nicht zuletzt den spektakulären Vorgängen und Verwandlungen, die Schikaneder auf die Bühne zauberte. Doch zeitgenössischen Rezensionen können wir auch Lob für den Komponisten Peter von Winter, in den 1770er Jahren einer der gefeiertsten deutschen Komponisten in Wien, entnehmen. In Franz Eduard Hysels Chronik über Das Theater in Nürnberg lesen wir: „am 16. October 1807 wurde bei übervollem Schauspielhause zum erstenmale die Oper: Das Labyrinth, oder: der Kampf der Elemente, 2ter Theil der Zauberflöte aufgeführt. Die Musikstücke des Komponisten Winter rissen in einzelnen Stellen den Kenner zur Bewunderung hin. Die Decorationen, welche in der That alle Erwartungen übertrafen, wurden häufig beklatscht. Das Süjet ist mit der Zauberflöte im gleichen Werthe.“
Die Fortsetzung eines Werkes zu schreiben war im Wien um 1790 ein sehr verbreitetes und – sofern man an den Erfolg des Vorgängerwerkes anknüpfen konnte – auch lukratives Verfahren. Ein erfolgreicher erster Teil war also meistens keine Bürde, sondern ein Erfolgsversprechen. Im Falle von Schikaneders Fortsetzung der Zauberflöte jedoch scheint der immense Erfolg von Mozarts Oper zunehmend eine Bürde für das von Peter von Winter vertonte Labyrinth geworden zu sein. Dennoch fordert mich genau dieser Punkt in meiner Arbeit an dieser heute kaum noch bekannten Oper heraus und ist mein Ansatzpunkt. Mit der genauen Kenntnis des Publikums von der Zauberflöte und den Erwartungshaltungen umzugehen, halte ich für unbedingt notwendig.
Mich reizt am Labyrinth die Fortführung der Geschichte, die Ausarbeitung der Figuren und die daraus entstehende Ambivalenz. Während die Protagonisten in Mozarts Zauberflöte noch einem einfachen, sehr strukturierten Wertesystem zugeordnet werden können, beginnt sich diese Eindeutigkeit in Schikaneders Fortsetzung aufzulösen. Das „Gute“, für das Sarastro, Tamino und Pamina stehen, muss sich nicht nur gegen das „Böse“ durchsetzen, sondern es wird an sich infrage gestellt. Es wird figuren-immanent von innen heraus geprüft. Die Prüfung im „zweyten Theil der Zauberflöte“ stellt vor allem Tugend, Standhaftigkeit und Treue auf die Probe. Es wird antizipiert, dass der Mensch Schwächen hat und dass aufgrund dieser Schwächen gesellschaftliche Strukturen nicht mehr unantastbar sind. Die politische und gesellschaftliche Situation zum Zeitpunkt der Entstehung der Oper entspricht genau
diesem Weltbild. Europa war vom Krieg erschüttert. Napoleon stand kurz vor dem zweiten Koalitionskrieg, u.a. gegen Österreich. Mit dem Einzug des Krieges in Peter von Winters Oper werden die gesellschaftlichen Setzungen der Figuren berührt. Sarastro beispielsweise wird zum Kriegsherrn. Es reizt mich, die Vielschichtigkeit der Charaktere, die dadurch in dieser Oper entsteht, herauszuarbeiten. Und den Punkt zu finden, an dem Sarastro, die Königin der Nacht, Papageno, Pamina oder Tamino
auf uns Heutige etwas übertragen können, ist sehr spannend. Obwohl ich in den Figuren viele, auch uns nur allzu bekannte Eigenschaften sehe, werde ich Das Labyrinth oder Der Kampf mit den Elementen so wie Schikaneders Libretto als ein großes Märchen erzählen, in dem das Beispielhafte und Spielerische im Vordergrund stehen.
Alexandra Liedtke
von: Website der Salzburger Festspiele

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